Geschichte der Chirurgie als Lebensaufgabe

Medizinhistoriker Thomas Breier zum 70. Geburtstag

Wissenschaftliche Tagung der Akademie der Medizinwissenschaften, Temeswar 1981: Eröffnungsreferat Thomas Breier

Wissenschaftliche Tagung der Akademie der Medizinwissenschaften, Temeswar 1981: Eröffnungsreferat Thomas Breier

Lehrer, Bürgermeister, Historiker, Publizist – das Wirken Thomas Breiers im rumänischen Banat war vielseitig und schaffensreich. Von 1979 bis 1990 war er Lehrstuhlinhaber für Chirurgie an der Medizinischen Hochschule Temeswar/Timișoara. Vor allem mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Temeswarer Chirurgiegeschichte sichert er sich einen Ehrenplatz in der Reihe bedeutender Banater Persönlichkeiten. »Die medizinisch-historischen Abhandlungen Prof. Thomas Breiers kommen der Arbeit eines Bergmanns gleich, der die Schätze aus dem Dunkel und der Tiefe der Erde ans Tageslicht fördert«, schrieb der bekannte Chirurgieprofessor und langjährige Rektor der Medizinischen Hochschule Temeswar, Dr. Pius Brânzeu.

Thomas Breier wurde am 24. August 1945 in Klausenburg/Cluj geboren. Noch im selben Jahr übersiedelte die Familie nach Temeswar im Banat. Nach Abschluss der Grundschule in der Elisabethstadt besuchte er das deutsche Lyzeum Nr. 2 in der Innenstadt. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters und einer schweren Krankheit der Mutter geriet er in eine schwierige familiäre Situation, sodass er im Internat der Schule wohnen musste. Seine Betreuung übernahmen die Ehefrauen der die Eltern behandelnden Ärzte Prof. Dr. Ioan Mureşan und Prof. Dr. Iosif Bulbuca. In diesem Umfeld entdeckte der junge Thomas Breier seine Leidenschaft für die Medizin.

Nach dem Abitur 1963 am Nikolaus-Lenau-Lyzeum folgten die Studienjahre an der Fakultät für Geschichte der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg. Zusätzlich besuchte Breier regelmäßig medizinische Vorlesungen, Symposien und wissenschaftliche Tagungen. Nach dem Studium kam er ins Banat zurück, wo er seine berufliche Laufbahn als Lehrer an der Allgemeinschule in Gottlob (1968-1972) begann. 1972 wechselte Breier an die Allgemeinschule in Hatzfeld/Jimbolia, wo er bis 1976 Lehrer für Geschichte und Erdkunde war. Als Vizebürgermeister (1976-1981) – zuständig für Unterricht, Kultur und Gesundheit – übernahm er auch Verantwortung für die Geschicke der Stadt. Daneben veröffentlichte er Arbeiten zur Lokalgeschichte und über Hatzfelder Persönlichkeiten und übernahm die Organisation von wissenschaftlichen Tagungen. Von 1981 bis 1989 unterrichtete Breier das Fach Geschichte am Nikolaus-Lenau-Lyzeum Temeswar.

Unter Anleitung von Prof. Dr. Pius Brânzeu begann Thomas Breier intensive medizinhistorische Forschungen, deren Ergebnisse ihren Niederschlag in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten fanden. Erste publizistische Arbeiten erschienen 1971 in der Neuen Banater Zeitung und in der Karpatenrundschau. »Die Geschichte des Temeswarer Bürgerspitals 1757-1949«, der ersten medizinischen Anstalt Temeswars, war seine erste große medizinhistorische Studie. Neben dem Familienarchiv des Chirurgieprofessors Dr. Alexander Branco Stefanovici standen Breier auch das Familienarchiv des Pioniers der modernen Chirurgie im Banat, Dr. Karl Diel (Direktor des Hatzfelder Krankenhauses in den 1920er Jahren), zur Verfügung. Zudem erwies sich die langjährige Freundschaft zum Temeswarer Bischof Monsignore Dr. Franz Kräuter für Breiers Forschungsarbeiten als sehr förderlich. Ihm verdankt er sein Synthesewissen, den richtigen Umgang mit den Quellen sowie die korrekte Interpretation historischer Dokumente. Breier stieß aber auch auf diverse Schwierigkeiten wie ungünstige Arbeitsbedingungen in den Archiven und Zugangsbeschränkungen zu Dokumenten. Davon ließ er sich aber nicht entmutigen.

In den 1970er und 80er Jahren veröffentlichte er zahlreiche medizinhistorische Studien, Berichte und Porträts bedeutender Vertreter der Temeswarer Universitätsmedizin in den deutschsprachigen Periodika Rumäniens wie Neuer Weg, Neue Banater Zeitung, Karpatenrundschau, Forschungen zur Volks- und Landeskunde sowie in der Zeitschrift des Temeswarer Medizininstituts Timişoara medicală. 1980 konnte er erste Forschungsergebnisse zur Medizingeschichte Temeswars ab 1718 im Neuen Weg in Folgen veröffentlichen. Auf der ersten medizinhistorischen Tagung der Akademie der Medizinwissenschaften, die 1981 in Temeswar stattfand, hielt Breier das Hauptreferat, auf dem anschließenden 15. Weltkongress der Medizinwissenschaften in Bukarest eine freie Vorlesung.

Die Forschungen Breiers beschränkten sich nicht auf die Medizingeschichte. Er publizierte zahlreiche Arbeiten zur Geschichte des Banats, über Banater Persönlichkeiten sowie zur Lokalgeschichte einzelner Ortschaften. Dadurch erwarb er sich einen erstklassigen Ruf als fachlich kompetenter Historiker des Banats. Als Beispiele seien hier folgende Veröffentlichungen angeführt: »Revolutionäre und Industriepioniere. Die Brüder Maderspach, bedeutende Persönlichkeiten des Banats« (Neue Banater Zeitung, 1981), »Mathias Schmidt und Genossen« über den antifaschistischen Widerstand in Hatzfeld (Neuer Weg, 1974) und »Dózsa vor Temeswar« über den Bauernaufstand von 1514 (Temeschburger Heimatblatt, 2013). Anlässlich des 80-jährigen Jubiläums des Hatzfelder Kreiskrankenhauses organisierte Breier zusammen mit dessen Direktor Dr. Josef Ludwig 1976 eine groß angelegte wissenschaftliche Tagung für Chirurgie und Innere Medizin. Zu den Referenten gehörte auch Prof. Dr. Petru Drăgan, ein gebürtiger Hatzfelder, der vier Jahre später am Temeswarer Kreiskrankenhaus die erste Nierentransplantation in Rumänien durchführen wird. In den folgenden Jahren leistete Breier einen nicht unerheblichen Beitrag beim Ausbau und bei der Modernisierung des Hatzfelder Krankenhauses sowie dessen Integration in das Temeswarer Universitätsklinikum.

In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde Thomas Breier 1979 von Prof. Dr. Constantin Caloghera in den Chirurgie-Lehrstuhl der Medizinischen Hochschule Temeswar berufen. Breier selbst bezeichnet seine damals beginnende Schaffensperiode als »die fruchtbarste meines Lebens«. Er hielt Vorlesungen zur Geschichte der Medizin und Chirurgie (bis 1989), beteiligte sich mit Hauptreferaten an medizinischen Welt- (Bukarest 1981), Europa- (Berlin 1986, 1987) und Landeskongressen (Bukarest 1988), an nationalen und internationalen wissenschaftlichen Symposien. 1986 wurde Breier mit dem Aufbau des »Medizinisch-pharmakologischen Museums« des Medizininstituts Temeswar im Gebäude der Medizinischen Universität beauftragt. Er entwarf ein umfassendes Projekt, das vom Senat der Universität genehmigt wurde. Die praktische Umsetzung jedoch wurde regelrecht boykottiert. Trotz aller Widrigkeiten kämpfte Breier für die Realisierung dieses bedeutsamen Vorhabens. Es gelang ihm, bis zu seinem Rücktritt im Frühjahr 1989 ein imposantes Museumsdepot zusammenzutragen.

Thomas Breier 1986

Landeskongress für Chirurgie, Temeswar 1986: Thomas Breier (2. v. l.), Prof. Dr. Pius Brânzeu (Mitte)

Während der Dezember-Revolution von 1989 war Breier im Uni-Zentralklinikum Temeswar als Dolmetscher und Berichterstatter für österreichische und deutsche Zeitungen und TV-Sender tätig. Anfang 1990 wurde er zum wissenschaftlichen Berater des Projekts »Transplantationsklinik Temeswar« ernannt. Wenige Monate später musste Breier Temeswar aus gesundheitlichen Gründen verlassen, um die 1985 an der Berliner Charité begonnene Behandlung seiner schweren und komplexen Augenleiden fortzusetzen. Den operativen und postoperativen Therapien seit 1990 verdankt er den Erhalt seines – wenn auch geringen – Sehvermögens.

Eine erste Version seines Hauptwerks, »Die Medizingeschichte Temeswars 1718-1990«, publizierte Breier 1980; im Jahr 2003 erschien eine stark erweiterte Neuausgabe. Das viel beachtete Buch erfreute sich einer hohen Nachfrage und war bald vergriffen. Eine Neuauflage dieses Standardwerks zur Temeswarer Medizingeschichte wäre wichtig und wünschenswert. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte Breier im Heimatblatt Hatzfeld einen weiteren interessanten und ergänzenden Beitrag: »Von der Hatzfelder Chirurgenschule zur ersten Nierentransplantation in Temeswar«.

Thomas Breier hat zwei Töchter und lebt heute in Bayern. Sein Lebenswerk charakterisiert er mit den Worten Goethes: »Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.« Alles Gute zum Geburtstag!

Literatur:
BREIER, Thomas: Die Medizingeschichte Temeswars 1718-1990. Schrobenhausen: M. Ballas 2003.

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