Der König von Timor

Die Geschichte des Freiheitskämpfers Andreas Gebhardt

Timoresische Krieger

Timoresische Krieger

Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Einwohner Westtimors gegen die niederländische Kolonialherrschaft erhoben, kämpfte an ihrer Seite auch ein Mann aus dem Dorf Sackelhausen im rumänischen Banat, damals noch in Österreich-Ungarn: Andreas Gebhardt. Nach der Niederschlagung des Aufstands durch eine Militärexpedition wurde er gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Von Königin Wilhelmina der Niederlande begnadigt, kehrte er 1913 nach Sackelhausen zurück. Auf der Suche nach einem freien und selbstbestimmten Leben hatte sich Gebhardt im Jahr 1900 als Jugendlicher in die Neue Welt aufgemacht. Zwischen beiden Ereignissen verbirgt sich das unglaubliche Schicksal eines Abenteurers und Rebellen, der Geschichte schrieb.

Das Banat verfügt über eine lange und ausgeprägte Migrationsgeschichte. Diese ist auf Grund seiner multiethnischen Bevölkerung, seiner wirtschaftlichen Entwicklung und seiner Grenzlage wechselvoll und vielseitig. Das stetige Anwachsen der Einwohnerzahl sowie die Zerstückelung des Feldbesitzes durch Vererbung einerseits und die Konzentration von großen Flächen in den Händen weniger Großbauern andererseits hatten Ende des 19. Jahrhunderts soziale Verwerfungen in den Banater Dörfern zur Folge. In dieser Zeit begann eine Abwanderung nach Amerika, welche sich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs fortsetzte. Zielländer waren hauptsächlich die USA und Kanada, aber auch Brasilien und Argentinien auf dem südamerikanischen Kontinent. In den 1920er-Jahren und noch Anfang der 30er-Jahre folgte eine zweite Auswanderungswelle, eine dritte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Von 1876 bis 1910 wanderten etwa drei Millionen Menschen aus Österreich-Ungarn nach Übersee aus.

Auch im zehn Kilometer westlich von Temeswar (ung. Temesvár, rum. Timișoara), der Hauptstadt der Region Banat in Südungarn, gelegenen Dorf Sackelhausen (ung. Szakálháza, rum. Săcălaz) vollzog sich diese Entwicklung, die viele Einwohner in die Emigration zwang. Ziele der Sackelhausener Auswanderer waren insbesondere St. Louis im US-Bundesstaat Missouri im Mittleren Westen der USA und Kitchener in der Provinz Ontario im Südosten Kanadas. Bei vielen Reisen handelte es sich nicht um endgültige Auswanderungen. Ein Teil der Amerika-Auswanderer ist wieder nach Sackelhausen zurückgekehrt. Mit dem ersparten Geld konnten sie sich Feld kaufen oder Häuser bauen. Manche waren mehrmals als Gastarbeiter in den USA.

Bis 1904 schifften sich die Banater Auswanderer hauptsächlich in den deutschen Nordseehäfen Bremen und Hamburg ein, ein kleinerer Teil verließ Europa über Antwerpen und Rotterdam. Die Schiffe landeten in New York oder in Baltimore im Bundesstaat Maryland, dem zweitgrößten Einwanderungshafen der USA nach New York. Ab 1904 förderte Ungarn – seit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 war das Banat der ungarischen Verwaltung unterstellt – den adriatischen Hafen Fiume (heute Rijeka in Kroatien) als Abfahrtshafen. 1907, im Jahr der stärksten Amerika-Auswanderung, verließen etwa 45 Prozent der Emigranten aus Ungarn das Land über Fiume. Für die Banater, die sich in Fiume einschifften, war ein ungarischer Pass erforderlich, während zu dieser Zeit die Nordseehäfen sowie Antwerpen (Belgien) und Le Havre (Frankreich) keine Reisedokumente verlangten. Die Schiffe aus Fiume landeten ausschließlich in New York.

SS Pennsylvania

Passagierdampfschiff »SS Pennsylvania« der Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) [2]. Ab März 1897 verkehrte es regelmäßig auf der Linie Hamburg – New York, um Auswanderer in die USA zu bringen.

Mit Auflösung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie infolge des Ersten Weltkriegs kam der Großteil des südungarischen Banater Komitats Temesch (ung. Temes, rum. Timiș) im August 1919 unter rumänische Verwaltung. Im Jahr darauf traten neue Ortsbezeichnungen – nicht durchweg rumänische – an die Stelle der bisherigen ungarischen. Szakálháza sollte in Săcălău umbenannt werden. Die neue Bezeichnung hielt sich offensichtlich nicht lange, denn bereits die Ausgabe 1923/24 des Socec-Adressbuchs von Groß-Rumänien, das den Datenstand von 1922/23 bezüglich Verwaltung, Bildungseinrichtungen, Wirtschaft, Gesundheitswesen usw. abbildete, verzeichnete die Landgemeinde Sackelhausen im Zentralbezirk des Distrikts Temesch-Torontal unter der neuen offiziellen Bezeichnung Săcălaz. Die verschiedenen Benennungen des Ortes gehen auf die schon 1392 bezeugte Form »Zakálháza« zurück, was als Erbgut der adeligen Familie Zakál gedeutet wird. Sackelhausen hatte einen Bahnhof (seit 1857), einen Kindergarten (seit 1896), eine staatliche Schule (seit 1901) und eine Poststation. Infolge der Auswanderungen ging die Einwohnerzahl des Dorfes von 4.136 im Jahr 1900 auf 3.640 im Jahr 1930 zurück. Erst 1977 erreichte die Einwohnerzahl wieder einen vergleichbaren Stand (4.198 Einwohner).

In Sackelhausen wurde am 23. Juli 1884 Andreas Gebhardt als viertes Kind von Johann Gebhardt und Gertrud Tautzenberger geboren. Sein Großvater väterlicherseits stammte aus dem Nachbarort Csatád. Bereits im Jahr 1111 gab es auf dem Gebiet des heutigen Lenauheim eine Hirtengemeinde im Besitz von László Csatády. Urkundlich wurde der Name Csatád zuerst 1415 mit seinem Besitzer Mathias Chatad erwähnt. 1482 war der Ort verlassen und wurde als Prädium (Pußta) angeführt. Während der theresianischen Kolonisierungsperiode (1763-67) ließ Landesadministrationsrat Johann Wilhelm Edler von Hildebrand 1767 auf der Pußta Csatád 202 Wohnhäuser sowie ein Pfarr- und ein Schulhaus erbauen. Den Kirchenmatrikeln zufolge kamen die meisten Ansiedler aus Luxemburg, Lothringen, Trier, Nassau, Birkenfeld und Westfranken. 1780 zählte Csatád 1256 Einwohner. 1919 kam das Dorf zu Rumänien und wurde 1926 als Hommage an den hier geborenen Dichter Nikolaus Lenau (geb. 13.08.1802, gest. 22.08.1850 Oberdöbling bei Wien) in Lenauheim umbenannt.

Gebhardt Haus Sackelhausen

Andreas Gebhardts Geburtshaus in Sackelhausen, 6. Straße Nr. 510 [3]

Nach Absolvierung der Volksschule in seinem Heimatort begann Andreas Gebhardt eine Kaufmannslehre in der Textilhandlung »Blauer Stern« in Temeswar. Was ihn schon in der Schule von seinen Mitschülern unterschied, war seine Leidenschaft für das Lesen, wobei seine besondere Vorliebe der Reise- und Abenteuerliteratur galt. Auch in das Erlernen von Fremdsprachen investierte er viel Zeit. Und Andreas hatte einen Traum: Er wollte in ferne Länder reisen und die Welt erkunden. Nach einem Streit mit seinem autoritären Ausbilder verschwand der damals Sechzehnjährige spurlos. Das erste Lebenszeichen vom ihm kam erst nach langer Zeit, im Jahr 1913 – es war sein Todesurteil. Von einem niederländischen Gericht war Andreas Gebhardt wegen rebellischen Aktivitäten auf der Insel Timor in Niederländisch-Indien zum Tode verurteilt worden.

Pirat, Freiheitskämpfer, Deserteur

Gebhardts Ziel nach seinem Verschwinden im Jahr 1900 war Amerika. In einem der Auswandererhäfen heuerte er auf einem Schiff als Heizer an. In den Passagier- und Besatzungslisten sucht man ihn allerdings vergebens. Daher kann davon ausgegangen werden, dass er kein Mitglied der regulären Besatzung war, sondern ihm die Überfahrt als blinder Passagier im Tausch gegen das Kohleschaufeln gewährt wurde. In den USA arbeitete Gebhardt einige Zeit als Farmer, dann reiste er nordwärts nach Kanada. Im Gebiet der Great Lakes traf er später auf seinen Landsmann Jakob Fett, mit dem er illegal, ohne Pass und Fahrkarte, wieder in die USA einreiste.

1910 kaperte Andreas Gebhardt zusammen mit anderen Abenteurern im Hafen von Philadelphia ein größeres Schiff und lief damit unter eigener Flagge aus. Es ist anzunehmen, dass er die Piratengeschichten vor allem des Goldenen Zeitalters der Piraterie (1690-1725) kannte und sie ihn faszinierten. Piraten weckten seit jeher die Sehnsucht nach Freiheit, auch wenn das Leben der Seeräuber extrem gefährlich war. Aber genau wie diese nahm auch Gebhardt dieses Risiko auf sich, um selbstbestimmt leben zu können, frei von Herrschaft und Bevormundung. Schwebte ihm eine Piratenrepublik wie die »Libertalia«, die es auf Madagaskar gegeben haben soll, vor? Der Legende nach gründeten Piraten dort eine libertär-kommunitäre Gemeinschaft, die sich – lange vor der Französischen Revolution – auf die Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit berief und sich von basisdemokratischen Prinzipien leiten ließ.

Gebhardt und seine Crew umschifften das Kap der Guten Hoffnung und nahmen Kurs auf Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, im Indischen Ozean. Dabei kamen ihnen Gebhardts Geographiekenntnisse zugute. Nach einigen Monaten landeten sie auf der Insel Timor im Sunda-Archipel – wahrscheinlich, wie der Autor einer Reisebeschreibung aus dem 19. Jahrhundert, von deren Erscheinung angenehm beeindruckt:

Die große Insel Timor […]. Schon von Ferne kündigt sie sich dem Ankommenden vortheilhaft an. Eine dreyfache Kette von Felsen, der Länge nach an der Insel hingelagert, bilden ein dreyfaches Amphitheater, wovon die innerste Reihe die höchsten Punkte enthält. Diese Berge, die sich in sanften Abhängen gegen das Meer hin verflächen, sind an allen Seiten mit üppigen Pflanzen bedeckt; aus allen Thälern drängen sich dunkle Wälder hervor, aus deren Schoos die schönsten Palmenarten sich erheben.[1]

Die Insel war seit 1851 zwischen den Niederlanden und Portugal geteilt, aber erst 1916 schlossen die beiden Kolonialmächte einen Vertrag, der die heute noch bestehende Grenze zwischen Ost- und Westtimor festlegte. Westtimor zählt auf einer Fläche von 16.861 Quadratkilometern rund 1,8 Millionen Einwohner (2010). Dominierende Bevölkerungsgruppe sind die Atoin Meto, deren Sprache das Uab Meto, »die einheimische Sprache«, ist. Die geographischen und klimatischen Gegebenheiten begünstigten in der Vergangenheit das Entstehen von vielen relativ autonomen Regionen.

Indonesien: Westtimor

Indonesien: Westtimor mit der Provinzhauptstadt Kupang. Lage: ca. 10° Süd, 124° Ost [4]

Ab 1904 versuchten die Niederländer zunehmend mit militärischer Gewalt den Widerstand der Timorer in ihrem Herrschaftsgebiet zu brechen. Als die »Liurai« genannten Stammesführer, die traditionellen Herrscher über kleinere Königreiche, einen Eid auf die Niederlande schwören und ihre Autorität auf den niederländischen Verwalter übertragen sollten, brachen 1906 in ganz Westtimor (indon. Timor Barat) Rebellionen aus. Diese – sie richteten sich auch gegen die hohen Steuern und die Zwangsarbeit – hielten bis 1916 an, als sich Westtimor dem Herrschaftsanspruch der Niederländer endgültig beugen musste. Dennoch behielten die Stammeskönige unter der Kolonialverwaltung weiterhin einen gewissen Einfluss, einige Reiche konnten sich als »selbstregierende Gebiete« eine weitgehende Autonomie bewahren. Auch im unabhängigen Indonesien hielt sich die monarchische Verwaltungsform noch weitere anderthalb Jahrzehnte. Erst 1962 setzte die Zentralregierung die republikanische Administration in Westtimor durch. Osttimor erklärte 1975 seine Unabhängigkeit von Portugal, wurde aber unmittelbar danach von Indonesien besetzt und annektiert. In einem Referendum 1999 entschieden sich 78,5 Prozent der Osttimorer für die Unabhängigkeit. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen wurde Osttimor unter UN-Verwaltung gestellt und am 20. Mai 2002 als Demokratische Republik Timór-Leste ein unabhängiger Staat.

Gebhardt und seine Mannschaft solidarisierten sich mit den Anliegen der Timorer und kämpften ab 1911 mit ihnen gegen die niederländische Kolonialherrschaft. Gebhardt organisierte und bewaffnete eine Hundertschaft von Aufständischen, die zunächst militärisch erfolgreich war. Durch seine Heirat mit der Tochter eines Liurai wurde Andreas Gebhardt praktisch zum König auf Timor. Unter Berufung auf den französischen Botaniker und Ornithologen Jean-Baptiste Leschenault de La Tour vermittelt uns eine zeitgenössische Beschreibung die Schönheit timoresischer Frauen:

The women, says M. Leschenault, have in general a delicate and elegant shape, and proportions which remind the spectator of the beautiful statues oft he great masters of antiquity. They consider corpulence as a great defect. The younger females have frequently very pleasing features; and fine black eyes, full of expression, give vivacity to a face the uniform brown tint of which is never animated by the carnation of colder climates.[2]

Die niederländische Königin Wilhelmina schickte einen Kreuzer mit Marineeinheiten, um die Rebellion niederzuschlagen. Wie Gebhardt später in Sackelhausen berichtete, setzten sich die Aufständischen »mit Säbeln, Pfeilen und Pistolen« zur Wehr. Erst nach zwei Jahren bewaffneter Auseinandersetzungen gelang es den Niederländern, die Revolte niederzuschlagen und Gebhardt gefangen zu nehmen. Sie brachten ihn nach Holland, wo er 1913 von einem Gericht zum Tode verurteilt wurde. Schließlich wurde er jedoch begnadigt und mit dem Zug über Szegedin (ung. Szeged) nach Sackelhausen zurückgeschickt.

Ein König dient dem anderen nicht

Dort hielt es Gebhardt jedoch nicht lange, denn im Juli 1914 begann mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien der Erste Weltkrieg. Zacharias Bönisch schildert in seinen handschriftlich erhaltenen Aufzeichnungen die Mobilmachung in dem Banater Dorf Deutschsanktpeter (ung. Németszentpéter, rum. Sânpetru German), die sich auch in Sackelhausen ähnlich abgespielt haben wird:

28. Juli 1914. Auch in unserer Gemeinde wird die allgemeine Mobilisierung mittels Trommelschlag und Plakaten kundgemacht. Diese Publikation rief begreiflicherweise eine große Bestürzung und Aufregung hervor. Scharenweise versammelten sich die Bewohner unserer Gemeinde, um die zwar nicht unerwartete aber dennoch niederschmetternde Nachricht zu besprechen. Am allerschmerzlichsten empfand man, dass alle Militärpflichtigen bis zum 42. Lebensjahr einzurücken hatten. Es war Druschzeit. Die jungen Männer mussten alles stehen und liegen lassen und mit dem nächsten Zuge zu ihren Regimentern einrücken. Als am nächsten Morgen der Frühzug, mit welchem unsere Militärpflichtigen ihre teure Heimat verließen, einrollte, setzte ein unbeschreibliches Wehklagen und Jammergeschrei ein. Die Weiber und Kinder weinten bitterlich, galt es doch Abschied zu nehmen, Abschied: vielleicht für immer und ewig! Zogen doch die Männer in den Krieg, wo täglich und stündlich Lebensgefahr drohte.[3]

In einer Proklamation warnte die ungarische Regierung: »Es werden Zeiten auf uns zukommen, in denen es der Vaterlandsliebe der gesamten ungarischen Nation bedarf… Wir erwarten auch die Unterstützung der nichtungarischen Bürger des Landes… Jene, die der Stimme der Aufwiegler folgen, werden wir zu vernichten wissen…«[4] Die Zeitungen brachten den Lesern die schweren Strafen zur Kenntnis, welchen sich diejenigen aussetzten, die dem Einrückungsbefehl der Temeswarer Militärbehörde nicht Folge leisteten. Das ungarische Innenministerium ordnete die Überwachung aller an, die als gefährlich für die staatliche Sicherheit galten, insbesondere Nichtungarn. In der gesamten Donaumonarchie begann eine Welle von Verhaftungen. Unter diesen Umständen sah sich Gebhardt gezwungen, das Land abermals zu verlassen. Er konnte nicht für eine Sache kämpfen, die nicht die seine war. Eine Haltung, die der Schriftsteller Gerhard Zwerenz (1988) als »wahre Friedenspflicht« definierte. Über die Schweiz setzte sich Gebhardt zunächst nach Frankreich ab. Von dort reiste er, abermals im Kohlebunker eines Schoners, nach Amerika. »Und er weiß, dass er seine Heimat verlässt, ohne dass er wissen kann, ob er jemals wieder irgendwo zu Hause sein wird. Ja, er ist sich nicht einmal sicher, ob diejenigen, zu denen er jetzt geht, ihn auch am Leben bleiben lassen.« Aber, so Zwerenz weiter, »die Welt kann nur von den prinzipiell Fahnenflüchtigen gerettet werden«.[5] Die Subversion ist die kleine Schwester der Revolution. Sie ist individuell und provisorisch, aber sie kann dazu beitragen, großen Veränderungen den Weg zu bahnen.

Havanna

Havanna in den 1950er-Jahren [5]

Ein letztes Lebenszeichen kam 1950 aus Cuba, seitdem gibt es keine Nachrichten mehr von Andreas Gebhardt. Im Mai 2015, anlässlich der Feierlichkeiten aus Anlass der deutschen Besiedlung Sackelhausens vor 250 Jahren, wurde auf Initiative des Publizisten Gheorghe Blejuşcă am Geburtshaus Gebhardts eine offizielle Gedenktafel angebracht, die Andreas Gebhardt als »König der Insel Timor« (rege al insulei Timor) 1911-1913 würdigt. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Angaben über Gebhardts Piratenabenteuer, seine Beteiligung am Freiheitskampf der Timorer sowie seine Eheschließung mit einer timoresischen Prinzessin durch keine anderen Quellen außer Gebhardts eigenen Berichten nach seiner Rückkehr nach Sackelhausen sowie darauf aufbauenden Erzählungen von Zeitgenossen belegt sind. Auch Blejuşcă ist sich dieses Mankos bewusst: »Es gibt viele Geschichten um ihn, einige sind Legenden, jedoch ist er als der Banater bekannt, der König von Timor war. Es muss noch in niederländischen Archiven geforscht werden, da Timor in jener Zeit zu Holland gehörte«.[6] So sah es auch Heinrich Lauer, der vor über 40 Jahren als Erster über König Andres von Timor berichtete: »Es gibt Dinge, die es nur in der Vorstellung gibt. Manchmal trifft sich aber die Phantasie mit der Wirklichkeit auf halbem Wege, als würden sie einander suchen.«[7] Im Sackelhausener Gemeindearchiv soll sich Gebhardts Todesurteil wegen seiner Rebellion auf Westtimor sowie ein weiteres Dokument befinden: Nach seinem erneuten Weggang aus Sackelhausen schickte er seinen Einberufungsbescheid an die Gemeinde. Auf der Rückseite begründete er, nicht ohne Sarkasmus, in einem denkwürdigen Satz seine Desertion: »Ein König dient dem anderen nicht!« Aber trotz intensiver Recherchen konnten diese Unterlagen bislang nicht aufgefunden werden. Die Geschichte des Piraten und Freiheitskämpfers Andreas Gebhardt, was davon ist historische Wahrheit und was nur – zugegebenermaßen spannende – Legende?

Vorfahren des Andreas Gebhardt in der Namenslinie

6. Vorfahrengeneration (Alturgroßeltern)
Balthasar GEBHART * um 1679 Allgäu + 1719 Winnweiler/Pfalz; oo 1705 Winnweiler:
Anna Catharina FÖRSTER * um 1680, aus Winnweiler + 1729 Winnweiler, T.d. Theobald Förster
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5. Vorfahrengeneration (Altgroßeltern)
Johann Nikolaus GEBHARD * 1719 Winnweiler + 1770; oo 1745 Winnweiler:
Maria Barbara EICHLER * um 1720/21, aus Wambacherhof/Pfalz + 1771 Engelsbrunn/Banat
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4. Vorfahrengeneration (Alteltern)
Joseph GÖBHART * 1758 Winnweiler + 1815 Uiwar/Banat; oo 1783 Lenauheim/Banat:
Ottilia HAS * 1766 Neubeschenowa/Banat + nach 1809, T.v. Andreas Haas u. Barbara NN
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3. Vorfahrengeneration (Urgroßeltern)
Johann GEBHARD * 1799 Lenauheim + 1831 Lenauheim; oo 1822 Lenauheim:
Margaretha MÜHLBACH * 1798 Lenauheim, T.v. Karl Mühlbach u. Margaretha Bohn
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2. Vorfahrengeneration (Großeltern)
Jakob GEBHARDT * 1822 Lenauheim + 1890 Sackelhausen/Banat; oo 1845 Sackelhausen:
Anna Maria GROSSMAYER * 1824 Sackelhausen + 1898 Sackelhausen, T.v. Andreas Großmajer u. Julianna Faroki
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1. Vorfahrengeneration (Eltern)
Johann GEBHARDT * 1846 Sackelhausen + 1916 Sackelhausen; oo 1870 Sackelhausen:
Gertrud TAUTZENBERGER * 1851 Sackelhausen + 1918 Sackelhausen, T.v. Johann Tautzenberger u. Anna Maria Reitz
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Proband
Andreas GEBHARDT * 1884 Sackelhausen + nach 1950 Nordamerika; oo um 1911 Westtimor/Niederländisch-Indien:
NN, Tochter eines timoresischen Liurais

Genealogische Zeichen und Abkürzungen: * = geboren; + = verstorben; oo = Eheschließung; T.v. = Tochter von; NN = Name unbekannt; Proband: in der Familienforschung diejenige Person, deren Abstammung untersucht wird

Anmerkungen:
[1] Neue Bilder-Gallerie 1812, S. 87
[2] Shoberl 1824: The World in Miniature 2, S. 36
[3] Bönisch 2014: Kriegserlebnisse, S. 1
[4] Zitiert nach Românul Nr. 157 (18./31.07.1914), S. 1: »Vom trece prin clipe, când vom avea lipsă de iubirea de patrie… a întregei națiuni maghiare… Așteptăm și sprijinul cetățenilor nemaghiari ai țării… Vom ști noi strivi pe cei ce ascultă de glasul agitatorilor…« (Hervorhebungen im Original. Übersetzung: Uwe Detemple)
[5] Zwerenz 1988: Soldaten sind Mörder, S. 417
[6] Blejuşcă in Adevărul (03.06.2015): »Există multe poveşti în jurul lui, unele sunt chiar legende, însă el este cunoscut ca bănăţeanul care a fost regele Timorului. În acest caz încă trebuie făcute cercetări, prin arhivele din Olanda, pentru că în acea perioadă Timorul aparţinea de Olanda.« (Übersetzung: Uwe Detemple)
[7] Lauer 1974: König Andres von Timor, S. 24

Abbildungsnachweis:
[Eingangsabb.] Johan Nieuhof, <https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ATymorian_Souldiers.jpg>
[2] Library of Congress, <http://hdl.loc.gov/loc.pnp/det.4a15907>
[3] Ştefan Both, <http://adev.ro/mibstm>
[4] CIA, <https://www.cia.gov/library/publications>
[5] María Antonia Cabrera Arús, <http://cubamaterial.com/blog/juventud-rebelde-infanta>, lizenziert unter cc by-nc-sa 4.0

Literatur:
AMABIMA, König von Timor. In: Neue Bilder-Gallerie für junge Söhne und Töchter zur angenehmen und nützlichen Selbstbeschäftigung aus dem Reiche der Natur, Kunst, Sitten und des gemeinen Lebens, Nr. 15 (1812), S. 87-92, hier: S. 87, Berlin (ohne Autor). <http://www.digizeitschriften.de/dms/toc/?PID=1007873337_15>; [12.12.2015].
ANUARUL Socec al României-Mari – Annuaire Socec de la Grande-Roumanie – Socec-Adressbuch von Groß-Rumänien. Vol. II – Provincia [Bd. 2 – Die Provinz], 1924-1925. București 1924, S. 843. Library of Congress, Washington. <http://lcweb2.loc.gov/cgi-bin/ampage?collId=gdc3&fileName=scd0001_20030122001ropage.db&recNum=1858> [2015-11-25].
BÖNISCH, Zacharias: Kriegserlebnisse 1914-1918, S. 1. <http://www.deutschsanktpeter.de/Kriegstagebuch-1-Weltkrieg.169.0.html>, 05.2014 [23.11.2015].
BOTH, Ștefan: Plăcuţă pe casa din Săcălaz în care a locuit regele bănăţean din Insula Timor. Faţada a fost modificată după 200 de ani [Gedenktafel am Haus in Sackelhausen, in dem der Banater König der Insel Timor wohnte. Die Fassade wurde nach 200 Jahren verändert]. In: Adevărul, 03.06.2015. <http://adev.ro/npdg3g> [25.11.2015].
DEFOE, Daniel: Libertalia. Die utopische Piratenrepublik. Aus der Allgemeinen Geschichte der Piraten zusammen mit den Piratensatzungen der Kapitäne Roberts, Lowther und Philips sowie die Beschreibung der Regierung, Gewohnheiten und Lebensart der Seeräuber auf Madagaskar von Jacob de Bucqouy. Berlin 2015.
DREYER, David: Sackelhausener Auswanderer nach Amerika vor dem Ersten Weltkrieg. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Uwe Detemple. In: Sackelhausener Heimatblatt, 19. Jg., Nr. 19 (1999), S. 105-120.
DUDAȘ, Vasile: Banatul în anii primei mari conflagrații mondiale [Das Banat in den Jahren des ersten großen Weltenbrands]. Timișoara 2014.
FRIEDRICH, Maria & GRIMM, Hans: Familienbuch der katholischen Pfarrgemeinde Neubeschenowa im Banat und ihrer Filialen 1751-2005. Mainz 2007.
GIEL, Dietmar: Familienbuch der katholischen Pfarrgemeinde Csatád/Lenauheim im Banat 1767-2005. Karlsruhe 2006.
GRIEBEL Werner & GRIEBEL Jürgen: Csatád/Lenauheim (eine geschichtliche Kurzfassung). In: GIEL, Dietmar: Familienbuch der katholischen Pfarrgemeinde Csatád/Lenauheim im Banat 1767-2005. Karlsruhe 2006, S. V-XIII. <http://www.lenauheim.de/lenauheim/geschichte> [19.07.2015].
HUMMEL, Peter & FUHRY, Nikolaus: Familienbuch der katholischen Pfarrgemeinde Sackelhausen im Banat und ihrer Filialen 1766-2007. Reutlingen 2007.
KOTTLER, Peter: Ortsnamen des Banats im Wandel der Geschichte. In: Engel, Walter (Hg.): Kulturraum Banat. Deutsche Kultur in einer europäischen Vielvölkerregion. Essen 2007, S. 177-210.
KÜHN, Josef: Familienbuch der katholischen Pfarrgemeinde Neuburg an der Bega (= Újvár, Uiwar) im Banat 1812-1898 und die deutschen Familien in Aurelheim (= Áurelháza, Răuți) 1847-1898. Sindelfingen 2003.
LAUER, Heinrich: König Andres von Timor. In: SCHWARZ, Ludwig (Hrsg.): Der Sonne nach. Banater durchreisen, entdecken, erleben die Welt. Bukarest 1974, S. 24-30.
MANIFESTUL și Proclamația [Das Manifest und die Proklamation]. In: Românul, 4. Jg., Nr. 157 (18./31. Juli 1914): S. 1, Arad (ohne Autor). <http://dspace.bcucluj.ro/handle/123456789/16388> [23.11.2015].
SHOBERL, Frederic: The World in Miniature. Bd. 2: Asiatic Islands and New Holland. London 1824, S. 27-88, hier: S. 36. <http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00006D3500020000> [12.12.2015], lizenziert unter cc by-nc-sa 3.0 de.
ZWERENZ, Gerhard: Soldaten sind Mörder. Die Deutschen und der Krieg. München 1988, S. 417.

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