Der Kommunist, der Rumänien in den Kapitalismus führte

Der Tod des ersten postkommunistischen rumänischen Staatsoberhaupts Ion Iliescu ruft die Tragik einer unvollendeten Revolution in Erinnerung, aber auch die Erkenntnis, dass der Weg Osteuropas in den Neoliberalismus nicht unangefochten blieb.

Foto: SRN News, https://srnnews.com, 6.8.2025

Mit Ion Iliescu ist am 5. August eine der schillerndsten Figuren des postkommunistischen Osteuropa in Bukarest gestorben. Als erster Präsident Rumäniens nach der Revolution von 1989 bestimmte er maßgeblich den Übergang von der langjährigen, am Ende vollständig delegitimierten Herrschaft Nicolae Ceaușescus zur kapitalistischen Ordnung. Der ehemalige Kommunist und spätere sozialdemokratische Reformer scheiterte jedoch an seinem Anspruch, eine eigenständige demokratisch-sozialistische Alternative zu verwirklichen.   Weiterlesen…

Studentenrevolte 1956 in Rumänien

Ioan Holender, der ehemalige Direktor der Wiener Staatsoper, berichtet über seine Teilnahme an der Studentenrevolte von 1956 in Timișoara.

Ioan Holender als Student

Vor dem Hintergrund der Ungarischen Revolution entstand im Herbst 1956 in der westrumänischen Stadt Timișoara (dt. Temeswar) eine Reformbewegung der Studierenden mit dem Ziel der Erneuerung der rumänischen Gesellschaft. Etwa 3000 Studenten beteiligten sich am 30./31. Oktober 1956 an Protestkundgebungen, in einer Denkschrift forderten sie u. a. den Abzug der sowjetischen Truppen, Arbeiterselbstverwaltung, Meinungs- und Pressefreiheit. Obwohl sie verfassungskonform agierten – die rumänische Verfassung von 1952 garantierte Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit –, stufte das volksdemokratische Regime die Kritik als konterrevolutionär ein und setzte Armee, Geheimdienst und Miliz ein, um die Bewegung niederzuschlagen. Rund 2000 Studenten wurden verhaftet, die Anführer der Revolte zu Gefängnisstrafen bis zu acht Jahren verurteilt. Andere Studenten, wie Ioan Holender (geb. 1935 in Temeswar), wurden exmatrikuliert. Holender verließ Rumänien 1959 Richtung Wien, wo er sich seiner Leidenschaft, der Oper, verschrieb. Von 1992 bis 2010 war er Direktor der Wiener Staatsoper, so lange und so erfolgreich wie kein anderer vor ihm. Ioan Holender ist Ehrenbürger und Kulturbotschafter seiner Heimatstadt Temeswar..  Weiterlesen…

Temeswar 1956 und die Vision eines Dritten Wegs

Studentenrevolte für demokratischen Sozialismus in Rumänien

Maschinenbaufakultät Temeswar, 2009

Vor dem Hintergrund der Ungarischen Revolution entstand im Herbst 1956 unter den Studenten der westrumänischen Stadt Temeswar/Timișoara eine Reformbewegung mit dem Ziel der Erneuerung der rumänischen Gesellschaft. Etwa 3000 Studenten beteiligten sich am 30./31. Oktober 1956 an Protestkundgebungen, in einer Denkschrift forderten sie u. a. den Abzug der sowjetischen Truppen, Arbeiterselbstverwaltung, Meinungs- und Pressefreiheit. Obwohl sie verfassungskonform agierten – die rumänische Verfassung von 1952 garantierte Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit –, stufte das volksdemokratische Regime die Kritik als konterrevolutionär ein und setzte Armee, Geheimdienst und Miliz ein, um die Bewegung niederzuschlagen. Rund 2000 Studenten wurden verhaftet, die Anführer der Revolte zu Gefängnisstrafen bis zu acht Jahren verurteilt.  Weiterlesen…

La liberté ou la mort

 

Freiheit oder Tod! Die Rolle Temeswars im Rahmen der Rumänischen Revolution von 1989

Temeswar, Heldenfriedhof: Die Märtyrer der Revolution sind unvergessen.

Als am 22. Dezember 1989 in Bukarest die Ceaușescus[1] vom Dach des Gebäudes des Zentralkomitees der kommunistischen Partei mit einem Hubschrauber die Flucht ergriffen, ging in Rumänien die 25-jährige Herrschaft eines in Europa einmaligen sultanistischen post-totalitären Regimes[2] zu Ende, das sich durch einen bizarren Personenkult mit dynastischen Ambitionen, die Verschmelzung von Staat und Partei[3] sowie einen übersteigerten Nationalismus kennzeichnete. Die Revolution von 1989 bleibt ein entscheidender Bezugspunkt für die tiefgreifenden Veränderungen, die die rumänische Gesellschaft in den nachfolgenden Jahrzehnten prägten, ein dramatischer Umbruch – radikaler als in den anderen osteuropäischen Staaten –, der das Land auf den Weg der Demokratisierung und der euroatlantischen Integration brachte.

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Beginn einer neuen Ära

Der Umsturz vom 23. August 1944 in Rumänien

König Mihai I. und Staatsführer Ion Antonescu

Am 23. August 1944 stürzte der rumänische König Mihai I. die faschistische Militärdiktatur Ion Antonescus, Rumänien vollzog ein renversement des alliances, es scherte aus dem Bündnis mit Hitlerdeutschland aus und schloss sich den Alliierten an. Der Frontwechsel hat den Fortgang des Zweiten Weltkriegs entscheidend beeinflusst und ihn um mindestens ein halbes Jahr verkürzt. Die Folgen für Rumänien waren einschneidend, die mutige Entscheidung des Königs im Verbund mit dem Parteienbündnis des Nationaldemokratischen Blocks hat aber das Land vor der totalen Katastrophe, die mit einer bedingungslosen Kapitulation einhergegangen wäre, bewahrt. Der historische Akt vom 23. August 1944 ließ zudem die rumänische Demokratie für kurze Zeit wieder aufleben. Und es begann der Aufstieg der kommunistischen Partei zur Macht, die sie bis Dezember 1989 als »führende politische Kraft der gesamten Gesellschaft« innehatte.  Weiterlesen…

Schottlands europäische Perspektive

Nach dem Brexit wirbt Nicola Sturgeon als Regierungschefin mit einem erneuten Unabhängigkeitsreferendum Schottlands. Doch es gibt noch eine andere Lösung.

Theresa May erntet, was ihr Vorgänger im Amt des britischen Premierministers, David Cameron, gesät hat. Es war nicht die schottische Regionalregierung, die beim Unabhängigkeitsreferendum von 2014 aus eigenem Antrieb die Sezession durchsetzen wollte. Der damalige First Minister of Scotland, Alex Salmond, hatte ein Drei-Optionen-Modell vorgeschlagen, dass neben der vollständigen Unabhängigkeit oder der Beibehaltung der bisherigen begrenzten Selbstverwaltung Schottlands als Bestandteil Großbritanniens als dritte Möglichkeit eine erhebliche Ausweitung der Autonomie innerhalb des britischen Königreichs vorsah. Letztere, devolution max genannte Option, war das favorisierte Szenario der regierenden SNP (Scottish National Party). Es war Cameron, der eine Alles-oder-Nichts-Fragestellung (»Should Scotland be an independent country?«) erzwang und Salmond dadurch auf einen strikten Unabhängigkeitskurs festlegte. Folglich kam es zu der hohen Zustimmungsrate von 45 Prozent für die Unabhängigkeit.

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Das kommende Europa

Der neue Regionalismus und die Sehnsucht nach einem alternativen europäischen Modell

Demonstration für die Unabhängigkeit Kataloniens in Barcelona

1964, als der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, als Ziel des europäischen Einigungsprojektes »die Überwindung der Nationen und die Organisation eines nachnationalen Europas«[1] und »am Ende eine Verfassung Europas als Netzwerk freier Regionen«[2] formulierte, stieß dieses Konzept noch auf eine relativ geringe Resonanz. Doch inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Die alte, geordnete und stabile Welt, wie sie bis zum Ende des Kalten Krieges Bestand hatte, existiert nicht mehr. Das Fundament des heute noch vorherrschenden politischen Systems – ein Modell des 19. Jahrhunderts zur Organisation von Nationalstaaten – beginnt zu bröckeln. Nach der Auflösung der Sowjetunion, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei in den 1990er-Jahren sind jetzt auch in westeuropäischen Staaten Sezessionsbestrebungen auf dem Vormarsch. Die Regionalisten sehen die Abspaltung allerdings nicht als Selbstzweck, sondern lediglich als ultima ratio in ihrem Bestreben nach mehr Selbstbestimmung.

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