Das kommende Europa

Der neue Regionalismus und die Sehnsucht nach einem alternativen europäischen Modell

1964, als der erste Präsident der Europäischen Kommission, Walter Hallstein, als Ziel des europäischen Einigungsprojektes »die Überwindung der Nationen und die Organisation eines nachnationalen Europas«[1] und »am Ende eine Verfassung Europas als Netzwerk freier Regionen«[2] formulierte, stieß dieses Konzept noch auf eine relativ geringe Resonanz. Doch inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Die alte, geordnete und stabile Welt, wie sie bis zum Ende des Kalten Krieges Bestand hatte, existiert nicht mehr. Das Fundament des heute noch vorherrschenden politischen Systems – ein Modell des 19. Jahrhunderts zur Organisation von Nationalstaaten – beginnt zu bröckeln. Nach der Auflösung der Sowjetunion, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei in den 1990er-Jahren sind jetzt auch in westeuropäischen Staaten Sezessionsbestrebungen auf dem Vormarsch. Die Regionalisten sehen die Abspaltung allerdings nicht als Selbstzweck, sondern lediglich als ultima ratio in ihrem Bestreben nach mehr Selbstbestimmung.

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Rebellen der Meere

Einspruch gegen die Ordnung der Zeiten

Libertalia

Europa an der Schwelle vom 17. zum 18. Jahrhundert war weder ein Ort der Freiheit noch der Gerechtigkeit. Es war die Zeit der sich herausbildenden Ordnung des Beutekapitalismus’. Die neue Epoche war geprägt von Kriegen, Unterdrückung und Ausbeutung, Revolten gegen die neue Herrschaft wurden in Blut ertränkt. Für viele bot sich nur noch das offene Meer als Ausweg und Fluchtpunkt an. Es war aber mehr als das: eine Projektionsfläche herrschaftsfreier, humanistischer Utopien. Als Sozialrebellen lehnten sich die Piraten gegen die herrschenden Zustände auf, in ihren Satzungen verankerten sie u. a. direkte Demokratie und Gemeineigentum. Weiterlesen