Je größer der Baum, desto stärker die Wurzeln

Ioan Holender, dem ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper, zum 80.

Ioan Holender

Ioan Holender, Autorenlesung 2011 in München. Foto: Uwe Detemple

Ioan Holender wurde am 18. Juli 1935 in Temeswar/Timișoara im rumänischen Banat geboren. Das tägliche Leben im Umfeld mehrerer Sprachen und Kulturen war prägend für seine Entwicklung. Als er dreizehn Jahre alt war, wurde die Essig- und Marmeladenfabrik seines Vaters verstaatlicht, die Villa seines Großvaters mütterlicherseits enteignet. Dennoch glaubte Holender, wie damals viele seiner Altersgenossen im Alter zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, an die Alternative des Sozialismus, begeisterte sich für den Aufbau einer neuen Welt. Als Sohn eines »Ausbeuters« war ihm der Hochschulzugang eigentlich versperrt. Um dennoch einen Studienplatz zu bekommen, arbeitete Holender nach Abschluss der Technischen Mittelschule ein Jahr als Hilfsarbeiter in den Temeswarer Elektrizitätswerken bei der Straßenbahn. Am Polytechnischen Institut studierte er dann fünf Semester Maschinenbau, Fachrichtung Dampfmaschinen. Seine Leidenschaft galt aber damals schon der Oper.

An der Temeswarer Studentenrevolte von 1956 nahm Holender aktiv teil. Bei der eindrucksvollen Versammlung von über 2000 Studenten am 30. Oktober 1956 sprach er über »die Ursache der herrschenden vorrevolutionären Stimmung« und verlangte die Veröffentlichung der studentischen Forderungen in der Presse. Wegen diesen »schwerwiegenden Abweichungen von der proletarischen Moral« wurde Holender im Februar 1957 exmatrikuliert. Als deklarierter »Klassenfeind und Saboteur des Aufbaus der neuen sozialistischen Gesellschaft« sah er für sich keine berufliche Zukunft mehr. Er durfte nicht studieren, nicht arbeiten, lediglich ein Halbtagsjob als Tennislehrer wurde ihm zugestanden. Dann tat sich plötzlich eine neue Möglichkeit auf: Auf dem Temeswarer Corso erfuhr Holender von der Ausreisemöglichkeit für Juden nach Israel. 1958, nach ihrer Freilassung aus einem Arbeitslager am Schwarzen Meer, verließen Großvater und Onkel zusammen mit der Mutter Rumänien Richtung Wien. Am 14. Januar 1959 stieg Ioan Holender mit seinem Vater »mit gebrochenem Herzen und zutiefst deprimiert« in den Zug. »Die Ausreise war meine Rettung, doch fühlte ich, dass meine Wurzeln abgeschnitten wurden.« Holender landete »als ein gestrandeter, seiner Umgebung entrissener und an der Erreichung seiner beruflichen Ziele gewaltsam verhinderter junger Mensch am Wiener Westbahnhof.«

Bevor er ein Gesangsstudium am Konservatorium aufnehmen konnte, arbeitete Holender als technischer Zeichner in einer Drahtfabrik, als Statist, Regieassistent und Regisseur. Von 1962 bis 1966 war er als Opernbariton und Konzertsänger tätig. Höhepunkt seiner Karriere als Bariton war der Gastauftritt 1966 an der Temeswarer Oper – sieben Jahre nach seiner Ausreise eine emotional überwältigende Erfahrung: »Nur wer längere Zeit in seinem Geburtsland lebte, bevor er es verließ, um dann irgendwann zurückzukommen, kann nachvollziehen, kann verstehen, was ich bei meiner ersten Rückkehr in meine Heimatstadt empfunden habe.« 1967 wechselte Holender die Seiten: Er trat in die Theateragentur Starka ein und machte aus der traditionellen Schauspieleragentur die größte Künstler- und Sängeragentur Österreichs. 1988 wurde er zum Generalsekretär in der Direktion der Wiener Staatsoper berufen. Von 1992 bis 2010 schließlich leitete der »hergelaufene Rumäne« die Staatsoper als deren Direktor, so lange und so erfolgreich wie kein anderer vor ihm. In seiner Direktorenzeit hat Holender wertvolle internationale Künstler an die Staatsoper geholt, hat deren Repertoire erweitert, er hat junge Talente entdeckt und eine Kinderoper ins Leben gerufen. Unter seiner Leitung wurde die Wiener Staatsoper die aktivste Oper der Welt. Es wurden nicht weniger als 93 Premieren und bis zu 60 Vorstellungen pro Spielzeit gezählt.

Ioan Holender ist ein Musterbeispiel transkultureller Identität. Er bekennt sich zu all seinen Wurzeln, den jüdischen, den ungarischen, aber »die prägende und wichtigste Identität, die geblieben ist und alles überlebt hat, ist die rumänische Identität. Sie ist bis heute für mich bestimmend.« Zu Rumänien sagt Holender, er fühle sich wie ein Baum, der seine Wurzeln dort hat, die er, je größer und älter der Baum wird, immer stärker spüre. »Wenn ich drei Tage in Timișoara bin, habe ich das Gefühl, ich bin nie weg gegangen.« Holender ist Ehrenbürger seiner Geburtsstadt und Botschafter Temeswars für die Unterstützung der Kandidatur der Stadt als Europäische Kulturhauptstadt 2021. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne und einer Tochter. Holender wies immer weit über seine eigentliche Wirkungsstätte hinaus, auch scheute er sich nicht, den österreichischen Kulturbetrieb – Opernball und Wiener Society inklusive – öffentlich kritisch unter die Lupe zu nehmen. Jeden zweiten Samstag moderiert er auf ServusTV die Sendung kulTour mit Holender. Alles Gute zum Geburtstag!

Literatur:
HOLENDER, Ioan: Von Temesvar nach Wien. Der Lebensweg des Wiener Staatsoperndirektors. Wien: Böhlau 2001.
HOLENDER, Ioan: »Ich bin noch nicht fertig«. Erinnerungen. Wien: Zsolnay 2010.

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