Antikommunistischer Aufstand oder sozialistische Reformbewegung?

Die Temeswarer Studentenrevolte von 1956: Verlauf und historische Einordnung

Die rumänische Staats- und Parteiführung 1952. Foto: Fototeca online a comunismului românesc, cota 351/1952

Der Beitrag untersucht die Studentenrevolte von 1956 in der westrumänischen Stadt Timișoara (dt. Temeswar) im Kontext der Umbrüche im Ostblock nach dem Tod Stalins. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob es sich um einen antikommunistischen Aufstand oder eine Reformbewegung im sozialistischen System handelte. Auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen wird gezeigt, dass die in der Forschung bisher vernachlässigte Forderung nach Arbeiterselbstverwaltung und die damit verbundene Vision eines »Dritten Wegs« für das Verständnis der Proteste von zentraler Bedeutung sind. Die Träger der Bewegung rekrutierten sich überwiegend aus der kommunistischen Jugendorganisation; ihr Ziel war nicht der Bruch mit dem Sozialismus, sondern dessen Demokratisierung. Der Autor plädiert daher für eine historische Einordnung der Revolte als Ausdruck innerer Reformdynamiken der sozialistischen Gesellschaft im Rumänien der 1950er-Jahre.   Weiterlesen…

Studentenrevolte 1956 in Rumänien

Ioan Holender, der ehemalige Direktor der Wiener Staatsoper, berichtet über seine Teilnahme an der Studentenrevolte von 1956 in Timișoara.

Ioan Holender als Student

Vor dem Hintergrund der Ungarischen Revolution entstand im Herbst 1956 in der westrumänischen Stadt Timișoara (dt. Temeswar) eine Reformbewegung der Studierenden mit dem Ziel der Erneuerung der rumänischen Gesellschaft. Etwa 3000 Studenten beteiligten sich am 30./31. Oktober 1956 an Protestkundgebungen, in einer Denkschrift forderten sie u. a. den Abzug der sowjetischen Truppen, Arbeiterselbstverwaltung, Meinungs- und Pressefreiheit. Obwohl sie verfassungskonform agierten – die rumänische Verfassung von 1952 garantierte Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit –, stufte das volksdemokratische Regime die Kritik als konterrevolutionär ein und setzte Armee, Geheimdienst und Miliz ein, um die Bewegung niederzuschlagen. Rund 2000 Studenten wurden verhaftet, die Anführer der Revolte zu Gefängnisstrafen bis zu acht Jahren verurteilt. Andere Studenten, wie Ioan Holender (geb. 1935 in Temeswar), wurden exmatrikuliert. Holender verließ Rumänien 1959 Richtung Wien, wo er sich seiner Leidenschaft, der Oper, verschrieb. Von 1992 bis 2010 war er Direktor der Wiener Staatsoper, so lange und so erfolgreich wie kein anderer vor ihm. Ioan Holender ist Ehrenbürger und Kulturbotschafter seiner Heimatstadt Temeswar..  Weiterlesen…